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Adolph Reichwein


Dr. Matthias Jakob
Dornweg 15
23881 Borstorf 13.01.2004
Tel.: 04543/7329

An das
Gymnasium i.E. Mölln
über Herrn Kienbaum
Auf dem Schulberg
23879 Mölln


Namensfindung

Liebe Schüler/innen, liebes Kollegium, lieber Herr Kienbaum,

ich möchte Euch/Ihnen einen Namen für Euer/Ihr Gymnasium i.E. vorschlagen, der an die Vergangenheit erinnert, in die Zukunft weist und für den Alltag (also für die Gegenwart) bedeutsam sein kann:

Adolf Reichwein (1898 1944)

Da ich davon ausgehen muss, dass viele diesen Namen nicht kennen, habe ich mir lange (ungefähr vier Wochen) überlegt, ob ich ihn überhaupt vorschlagen soll, und falls ja, wie ich dies machen könnte.
Die Frage des „ob“ ist mit diesem Brief bereits beantwortet, zur Frage des „wie“ habe ich mir drei Herangehensweisen überlegt:

Ich werde 1. einen etwas amtlichen und sehr verkürzten Lebenslauf von Adolf Reichwein darstellen. In einem 2. Schritt werde ich versuchen darzulegen, warum Adolf Reichwein mir (ich selbst bin Lehrer und Schulleiter einer Grundschule) so wichtig ist. Als 3. überlege ich mir Möglichkeiten, wie man mehr über Adolf Reichwein (bei ggf. erwecktem Interesse) auch im schulischen Rahmen herausbekommen kann.

Lebenslauf Adolf Reichwein
Adolf Reichwein (geb. 3.10.1898) war nach dem Studium der Fächer Geschichte, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Nationalökonomie als Geschäfts-
führer der Volkshochschule Thüringen in Jena und als Leiter der Pressestelle und persönlicher Referent des Preußischen Kultusministers C.H. Becker in Berlin tätig.
1930 erfolgte der Ruf als Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an die Pädagogische Akademie in Halle/Saale.
Politisch einen freiheitlich-demokratischen Sozialismus vertretend und sich offen und ausdrücklich zur Weimarer Republik bekennend, blieben für Reichwein Konflikte mit der erstarkenden NSDAP nicht aus, die nach der Machtergreifung Hitlers im April 1993 zur Entlassung aus dem Professorenamt und zur Versetzung in das Amt eines Volksschullehrers an die einklassige Landschule nach Tiefensee bei Berlin führten. Reichwein war zu dieser Zeit schon zu bekannt, um ihn anderweitig ‚aus dem Weg zu räumen‘.
In der Tiefenseer Zeit von 1933-1939 entwickelt und praktiziert Adolf Reichwein ein schlüssiges Konzept praktischen Lernens, dem er u.a. in seinen Tiefenseer Schul-
schriften „Film in der (Land)Schule“ und besonders „Schaffendes Schulvolk“ Ausdruck verleiht.
Im Mai 1939 nimmt Reichwein das Angebot des Berliner Museums für Deutsche Volkskunde an, die Leitung der Abteilung „Schule und Museum“ zu übernehmen und auszubauen.
Nach Kontakten mit dem Kreisauer Kreis um Helmuth von Moltke wird Adolf Reich-
wein am 4. Juli 1944 gemeinsam mit Julius Leber verhaftet und nach drei Monaten Folter und Verhören am 20. Oktober 1944 durch den sog. Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und noch am selben Tag in Berlin-Plötzensee hingerichtet.


Persönliche Gründe
Adolf Reichwein hat nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 nicht den Weg der Emigration oder des sog. inneren Widerstandes gewählt, sondern nach der Entlassung aus dem Professorenamt die Arbeit an der einklassigen Landschule in Tiefensee bewusst angenommen, sich somit den politischen Gegebenheiten gestellt und aktiv Widerstand geleistet.In seiner Tiefenseer Zeit (1933-1939) entwarf Adolf Reichwein eine Pädagogik, die ihre Wurzel in der Reformpädagogischen Bewegung hatte und die heute, wenn auch meist unter anderem Namen, immer noch aktuell und erstrebenswert ist:Orientierung an Vorhaben (Lernen in Projekten, fächerübergreifendes Lernen)Praktisches Lernen (Handlungsorientierung)Kleine Kinder lernen von Großen (jahrgangsübergreifende Gruppen)Wenige Themen gründlich behandelt (exemplarisches Lernen)Zusammenarbeit mit der Reichsstelle für den Unterrichtsfilm in Berlin bereits ab 1934 (Einbeziehung Neuer Medien)Lernen im Freien (Freiluftschule, Naturbetrachtung)Große Fahrten (Klassenreisen) In seine Schularbeit brachte Adolf Reichwein ein großes Maß an anderen Berufserfahrungen mit ein:Erfahrungen aus langjähriger Reformpraxis in der Volkshochschul- und Arbeiterbildung (1923-1929)seine Bewährung als persönlicher Referent des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker (1929/1930)seine Arbeit mit Studenten als Hochschullehrer an der Pädagogischen Akademie in Halle/Saale (1930-1933)
Man könnte Adolf Reichwein durchaus als pädagogischen Allrounder vielleicht auch als Tausendsassa bezeichnen.

In seine Schularbeit brachte Reichwein ebenso ein großes Maß an Lebenserfahrungen mit ein:Impulse aus der Jugendbewegungseinen auf großen Reisen durch Nord- und Mittelamerika und durch Südostasien gewonnenen weltweiten und weltoffenen Horizont (1926-1927)mehrmonatige Expeditionen (zu Fuß) durch SkandinavienReichwein war einer der ersten Privatpersonen, die ein eigenes Sportflugzeug besaßen (und dies 1928!)
Man könnte Adolf Reichwein durchaus (für seine damalige Zeit) als Weltenbummler und Weltbürger bezeichnen. Er hat die Welt (die nahe und ferne) gesucht; und er kannte sich in ihr aus.

Ab 1939 war Adolf Reichwein Leiter der Abteilung „Schule und Museum“ am Museum für Deutsche Volkskunde in Berlin. Ab 1940 wirkte er aktiv in der Widerstandsgruppe des „Kreisauer Kreises“ um Helmuth James von Moltke mit. Er galt als Kultusministerkandidat für eine Regierung nach Hitler.Am 4. Juli 1944 wird Adolf Reichwein in Berlin verhaftet und nach dreieinhalb-
monatiger Haft in den Folterkellern der GeStaPo vom sog. Volksgerichtshof unter Freisler verurteilt und am 20.10.1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Man muss Adolf Reichwein von daher als Widerstandskämpfer begreifen.

Pädagoge - Weltbürger - Widerstandskämpfer

Mit diesen Bezeichnungen lässt sich Adolf Reichwein gut charakterisieren. Er kann in der Ernsthaftigkeit in dem Engagement, mit denen er seine mannigfaltigen päda-
gogischen Aufgaben bewältigte, ein Vorbild für Lehrer/innen sein.

Aufgrund seine weltoffenen Auftretens und der Zurückstellung aller persönlichen Interessen bei der Auseinandersetzung mit politischem Unrecht und dem gleich-
zeitigem Einsatz für Menschenwürde und Frieden kann Adolf Reichwein ein Vorbild
für jeden Bürger sein.

Deshalb halte ich Adolf Reichwein für einen geeigneten Namenspatron für das Gymnasium i.E. in Mölln.

Wie kann man bei Interesse mehr über Adolf Reichwein erfahren?
Man kann Bücher von ihm lesen:z.B. - Schaffendes Schulvolk/Film in der Schule. Die Tiefenseer Schulschriften.
(Hrsg. von Klafki, W. u.a.). Weinheim und Basel 1993

Erlebnisse mit Tieren und Menschen zwischen Fairbanks, Hongkong, Huatusco. Jena 1930
Hungermarsch durch Lappland. Berlin 1941

Man kann Bücher über ihn lesen:z.B. - G. Pallat/R. Reichwein/ L. Kunz (Hrsg.): Adolf Reichwein: Pädagoge und
Widerstandskämpfer. Ein Lebensbild in Briefen und Dokumenten (1914 –
1944). Paderborn 1999

U. Amlung: „... in der Entscheidung gibt es keine Umwege“. Adolf
Reichwein (1898 – 1944). Marburg 1994

R. Reichwein: Die Jahre mit Adolf Reichwein prägten mein Leben. 1998

Man kann Zeitzeugen (besonders seine vier noch lebenden Kinder) befragen.Man kann sich an den Adolf Reichwein-Verein wenden.Es existieren einige Adolf Reichwein-Ausstellungen, die man zeigen kann.Man kann Menschen befragen, die sich mit Leben und Werk Reichweins beschäftigen, wie z.B. Prof. (em.) Dr. Heinz Schernikau, wohnhaft in 22926 Schönberg bei Lütjensee, der mir telefonisch zugesagt hat, gerne in der Schule über Adolf Reichwein zu informieren.

Jetzt kann ich nur hoffen, dass Euer/Ihr Interesse geweckt werden konnte und Zeit vorhanden ist, sich mit diesem Vorschlag bzw. mit Adolf Reichwein auseinanderzu-
setzen.

In der Hoffnung auf eine gute Entscheidung verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen


P.S.: Es existieren bereits einige Adolf Reichwein-Schulen vornehmlich im Süden
Deutschlands. Da Reichwein auch einige geographische Bezugspunkte im
Norden hatte, wie Kurse in der Erwachsenenbildung in Prerow, Ferienauf-
enthalte auf Hiddensee sowie die Großen Fahrten mit Kindern, die ihn durch
das Lauenburgische und nach Lübeck führten, wäre die Benennung einer
Schule nach ihm auch aus diesem Blickwinkel nicht unbegründet.

P.P.S.:Ich bin der Vater von Lukas Berend aus der 6c und Jana Berend aus der 10 c.